9. November 1989: Die Berliner Mauer fällt symbolisch, die Grenzen werden geöffnet. Das gesamte deutsche Volk jubelt und es sollte nicht mehr lange dauern, bis Ost und West wieder zu einem Staat zusammenwachsen würden. Dieses wichtige Ereignis jährt sich nun zum 25. Mal, aber es ist für viele Leute immer noch sehr präsent. Besonders für diejenigen, die in der DDR aufgewachsen sind und beim Mauerfall sozusagen „live“ dabei waren. Eine von diesen Zeitzeugen ist Grit Schestak. Am 7. November 2014 besuchte sie die Klasse 9b der Marienschule Limburg, um ihr im Rahmen einer Unterrichtseinheit im Fach Deutsch so einiges über die Zeit zu erzählen, als Deutschland noch geteilt war.   

Schestak

Frau Müller-Rentz, die Klassen-und Deutschlehrerin der 9b, organisierte das Treffen mit Frau Schestak, welche die Mutter einer Schülerin aus der Klasse ist. Im Vorfeld sollten die Schülerinnen sich einige Fragen über den Alltag und das Schulsystem in der DDR oder auch über Frau Schestaks Erfahrungen und Erlebnisse dort überlegen, die sie dem Gast dann stellen konnten. Besonderes Interesse jedoch weckte die Freizeitgestaltung der Jugendlichen in Ostdeutschland. „Bei uns war es üblich, dass jeder mindestens eine Sportart ausübte. Die DDR versuchte dadurch eine Generation möglichst leistungsfähiger Sportler hervorzubringen. Der Sport war nämlich das Aushängeschild des Staates und bei Olympiaden und anderen Meisterschaften wollte er sich damit international behaupten. Hierzu zogen vom Staat beauftragte Leute durch die verschiedenen Vereine und nahmen sich die sehr guten Sportler heraus, um sie weiter zu fördern. Auch gab es viele Jugendklubs, die von der FDJ (Freie Deutsche Jugend) organisiert wurden“, so Frau Schestak. Sie selbst sei übrigens in Dresden geboren und später dann zum Studieren nach Ostberlin gegangen. Auf die Frage hin, wie sie den Mauerfall an diesem Tag erlebte, äußerte sie sich folgendermaßen: „Ich habe es gar nicht richtig wahrgenommen. Zu der Zeit war ich mit ein paar meiner Kommilitonen feiern. Als einer meiner Mitstudenten zu uns stieß und davon berichtete, die Grenzen seien offen, hatten wir nur ein müdes Lächeln für ihn übrig und beachteten das nicht weiter, dachten, er mache nur Spaß. Erst am nächsten Tag wurde mir klar, dass er wirklich Recht gehabt hatte. Ich war zunächst sehr überrascht, schlug aber das Angebot aus, mich mit ein paar Freunden im Westen umzusehen. Ich besuchte vollkommen normal meine Vorlesungen und wagte erst etwas später den ersten Schritt nach Westberlin. Als dann schließlich einige Zeit später meine Eltern in den Westen zogen, folgte ich ihnen und wurde dann in der Nähe von Limburg sesshaft.“ Auch die Frage nach dem damaligen Schulsystem interessierte viele Schülerinnen. Grit Schestak berichtete der Klasse davon, dass die Schulzeit in der DDR in drei Abschnitte geteilt war. Zunächst besuchten die Kinder wie im Westen auch bis zur vierten Klasse die Grundschule. Danach kam man auf eine sogenannte polytechnische Oberschule (POS), die bis zur 10. Klasse reichte. Danach war es von den Leistungen abhängig, ob man die erweiterte Oberschule (EOS), welche bis zur 12. Klasse ging, besuchen konnte. Außerdem wurde Russisch in der Schule unterrichtet und für leistungsstarke Schüler, wie unter anderem Frau Schestak eine war, wurde Englischunterricht ab der 7. Klasse verpflichtend. Auch das Frauenbild war vollkommen anders. „Das Wort „Hausfrau“ gab es bei uns eigentlich nicht. Fast alle Frauen gingen arbeiten und es war eine Seltenheit, dass eine daheim blieb, sich um die Kinder kümmerte und den Haushalt schmiss. Für die Kinder gab es vom Babyalter bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres die Möglichkeit der Betreuung, sodass beide Eltern ihrer Arbeit nachgehen konnten.“ Abschließend bedankte sich die Klasse bei der Zeitzeugin mit einem Blumenstrauß.                                                                                                                                     Die Doppelstunde war für die Klasse 9b zusammengefasst sehr informativ und interessant. Es war eine schöne Gelegenheit, Fragen zu dem Thema aus den letzten Unterrichtsstunden zu stellen und sie von jemandem beantwortet zu bekommen, der all das tatsächlich hautnah miterlebt hat. Geschichte, die die Jugendlichen von heute nur aus Büchern und Filmen kennen, wurde durch diesen Besuch lebendig und bekam eine Gestalt.

Anna Manz